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08 August 2025

NOISE

Zwischen Atmosphäre und Albtraum: Wie viel Nebengeräusch verträgt eine gute Produktion?

 

Es gibt Klänge, die gar nicht gespielt wurden und trotzdem Musik machen: Das Rascheln der Kleidung vor dem Mikrofon, das kaum hörbare Atmen zwischen zwei Gesangszeilen, das leichte Brummen eines alten Gitarrenverstärkers im Hintergrund: All das fällt unter den „Noise“ – und sorgt regelmäßig für hitzige Diskussionen zwischen Engineers, ProduzentInnen und KünstlerInnen. Soll das weg? Oder ist das Kunst?

 

Die Antwort schon vorab: Es kommt darauf an. Denn Noise kann bezaubern – oder alles ruinieren. Ich nehme dich hier mit, das Spannungsfeld zwischen technischer Reinheit und künstlerischer Rohheit besser zu verstehen und eine Frage zu beantworten, die viel mehr mit Gefühl zu tun hat, als man denkt: Welches Geräusch darf bleiben?

 

1. Die zwei Gesichter des Rauschens

 

In der Audiowelt bedeutet „Noise“ im weitesten Sinne alles, was nicht gezielt als musikalisches Signal eingebracht wurde: Hintergrundrauschen, Netzbrummen, Klicks, Pops, Atemgeräusche, Störsignale oder mechanische Nebengeräusche wie Saitenrutschen oder Pedalbewegungen.

 

Während diese Geräusche in analogen Zeiten oft unvermeidbar waren – denke nur an das Bandrauschen alter Aufnahmen oder die Nebengeräusche analoger Mischpulte – gelten sie heute im digitalen Zeitalter oft als Fehler. Moderne DAWs und Recording-Tools erlauben eine fast schon klinische Reinheit. Doch in dieser Reinheit steckt nicht immer Wahrheit.

 

Denn Musik lebt nicht nur von Tönen, sondern auch von Textur. Und genau hier beginnt die doppelte Natur des Noises – als Problem und als Möglichkeit.

 

2. The Good: Wenn Geräusche zur Magie beitragen

 

Nicht jedes Nebengeräusch ist ein Fehler. Manche sind der Soundtrack zur Authentizität eines Moments. In manchen Produktionen ist das Rauschen, das Atmen oder das dezente Raumgeräusch keine Störung – sondern die halbe Atmosphäre, ohne die diese Titel nicht leben und atmen könnten.

 

Imperfektion als künstlerische Strategie

 

In einer Zeit, in der „clean“ oft gleichbedeutend mit „leblos“ ist, hat sich ein bewusster Umgang mit imperfekten Aufnahmen etabliert. Leichtes Tape-Hiss, das Saitenschnarren bei einer Akustikgitarre oder das natürliche Atmen zwischen zwei Versen können mehr Emotion transportieren als jedes Effektgerät.

 

Ein paar Klangbeispiele:

 

Nirvana – Something in the Way

Die Aufnahme klingt beinahe wie ein Demotape: Kurt Cobain singt leise, die Aufnahme rauscht dezent, die Gitarrensaiten klirren leicht, die Raumakustik hallt spürbar mit. Kein Versuch, zu verstecken – im Gegenteil. Die Aufnahme lebt vom Gefühl, dass jemand gerade jetzt neben einem sitzt und spielt. Roh. Fragil. Echt.

 

Billie Eilish – when the party’s over

Kaum eine Produktion der letzten Jahre zeigt so eindrucksvoll, wie Intimität durch Mikrofonie und Raumklang erzeugt werden kann. Jeder Atemzug, jedes Mikro-Rauschen wirkt hier nicht zufällig, sondern Teil eines Konzepts: So nah, so verletzlich, dass man fast das Gefühl hat, die Künstlerin würde einem ins Ohr singen.

 

Kendrick Lamar – Sing About Me, I’m Dying of Thirst

Hier wird nichts „glatt gebügelt“. Die Atemgeräusche, die leicht angezerrten Aufnahmen, die wir ein One-Take wirkt. Kendrick erzählt nicht nur Geschichten, er gibt ihnen Raum, auch zwischen den Worten. Diese bewusste Rohheit intensiviert das Hörerlebnis enorm.

 

Geräusche können Nähe erzeugen. Sie bringen Textur in sterile Klangräume. Wenn bewusst eingesetzt, verwandeln sie eine Aufnahme in ein Erlebnis.

 

3. The Bad: Geräusche, die stören

 

Doch so poetisch das alles klingt – nicht jeder Sound gehört zur Magie. Manche Geräusche sind schlicht störend, vor allem dann, wenn sie:

 

- den Frequenzraum unnötig verstopfen,
- wichtige Elemente maskieren,
- rhythmisch irritieren oder
- das Ohr ermüden.

 

Typische Störquellen:

 

- Netzbrummen (50/60 Hz und Oberwellen),
- digitale Klicks & Pops,
- Lüftungsgeräusche,
- übermäßiges Mikrofonselbstrauschen,
- ungewollte Störsignale aus schlechter Verkabelung.

 

Ein übersteuerter Kühlschrank im Hintergrund oder ein stoßartiger Plop von der Lippenbewegung kann eine ansonsten perfekte Vocalaufnahme unbrauchbar machen. Und auch das scheinbar harmlose Luftgeräusch einer Klimaanlage kann – über 3 Minuten hinweg – zum ungewollten „Kompagnon“ des Refrains werden. Wenn ein Geräusch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als die Musik selbst, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit überflüssig.

 

4. The Ugly: Wenn Noise zerstört

 

Manche Aufnahmen lassen sich nicht retten – zumindest nicht ohne gravierende Kompromisse. Dazu zählen etwa:

 

- starkes Clipping (z.B. bei zu heiß aufgenommenen Vocals),
- laute Hintergrundgespräche bei leisen Takes,
- plötzliche, unkontrollierte Störimpulse,
- schweres digitales Aliasing durch defekte Plugins oder Interfaces.

 

Diese Art von Noise hat keinen künstlerischen Mehrwert. Sie maskiert, zerstört oder macht eine Nachbearbeitung zur Tortur. In solchen Fällen geht es nicht mehr um Ästhetik, sondern um Schadensbegrenzung.

 

5. Tools für Noise Reduction & Restaurierung

 

Die gute Nachricht: Es gibt eine Vielzahl an Tools, mit denen man störende Geräusche gezielt entfernen oder minimieren kann – je nach Bedarf und Budget. Hier ein Auszug

Industriestandard & Spezialisten:

 

- iZotope RX: Der Industrie Standard mit einer umfassenden Suite für alles von De-Click bis De-Reverb, Noise-Reduction und Music Rebalancing. Besonders mächtig für Restaurierungsaufgaben.
- Waves Clarity Vx: KI-basiertes Tool für die schnelle, transparente Entfernung von Störgeräuschen – besonders bei Vocals.
- Cedar DNS: Super präzises Noise Suppression Tool für Dialoge im Film- und Broadcast-Bereich.
- FabFilter Pro-Q: Super vielseitiger EQ für gezieltes Notching störender Frequenzen.

 

Aber Achtung bei der Anwendung: Wenn du zu aggressiv Noise entfernt, riskierst du Artefakte, ein statisches Klangbild und unnatürliche Sprachverläufe. Besonders bei Vocals empfiehlt sich Zurückhaltung – lieber etwas Charakter behalten, als eine leere Hülle übrig lassen.

 

6. Der Sweet Spot: Zwischen Reinheit und Charakter

 

Gute Produktionen leben vom Kontrast: Zwischen glatt und rau, zwischen Studio und Wohnzimmer, zwischen High-End und DIY. Und Noise kann helfen, diese Gegensätze zu formen – wenn man ihn gezielt einsetzt.

 

Tipps für ProduzentInnen:

 

- Nicht automatisch alles entfernen. Erst zuhören, dann entscheiden.
- Bewusst mit "Lo-Fi"-Elementen arbeiten, etwa bei Intros, Breaks oder B-Partien.
- Künstlerische Absicht immer im Vordergrund. Technik ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck.

 

Noise kann Atmosphäre schaffen, Intimität erzeugen, sogar Spannung aufbauen. Manchmal ist es gerade das, was man nicht weggeschnitten hat, das einen Song besonders macht.

 

7. Fazit: Noise ist kein Feind – es ist ein Werkzeug

 

Ob subtiler Raumklang oder störendes Brummen – jedes Geräusch hat das Potenzial, eine Geschichte zu erzählen. Die Herausforderung liegt nicht darin, alle Nebengeräusche zu entfernen, sondern darin, die richtigen stehen zu lassen.

 

Die Quintessenz:

 

- Technisches Wissen ist wichtig.
- Künstlerisches Gespür ist entscheidend.
- Imperfektion ist kein Fehler, sondern eine Option.

 

In einer Welt voller perfekter Produktionen ist manchmal das Unperfekte das, was hängen bleibt. Wenn du wissen willst, ob ein Geräusch bleiben darf – frag dich nicht: „Ist das sauber?“, sondern: „Fühlt es sich richtig an?“

 

- Johannes

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