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RECORDING VOCAL CHAIN
Eine gute Vocal Chain entscheidet nicht erst im Mix über die Qualität einer Produktion – sondern bereits in dem Moment, in dem die Sängerin oder der Sänger vor dem Mikrofon steht. Eine stimmige Kette aus Preamp, EQ, De-Esser, Kompressor und Reverb erschafft Sicherheit, Klangästhetik und technische Kontrolle. Und sie wirkt gleich doppelt: Sie macht den Take angenehmer für die Singenden und gibt dir später im Mix mehr Flexibilität, weil du keine Fehler eines übersteuerten, verrauschten oder schlecht vorbereiteten Signals korrigieren musst.
In diesem Artikel schauen wir uns an, wie du deine Vocal Chains aufbaust, warum Gain-Staging wichtiger ist denn je, welche Tools du während des Recordings subtil einsetzen kannst – und warum latenzfreie Systeme heute zum Standard gehören. Am Ende soll klar sein: Eine gute Vocal Chain fühlt sich nicht wie eine Effektbearbeitung an, sondern wie ein natürlicher Teil der Performance.
Warum eine Vocal Chain beim Recording entscheidend ist
Sänger:innen performen besser, wenn sie sich im Kopfhörer „produziert“ fühlen – etwas Räumlichkeit, leichte Kompression und ein angenehmer Ton machen den Unterschied. Gleichzeitig gilt: Was du während des Trackings also während der Aufnahme einsetzt, muss subtil bleiben. Die eigentliche Klangformung passiert im Mix, das Recording dient der Kontrolle, Ruhe und Transparenz. Eine Vocal Chain ist damit immer ein Balanceakt zwischen Psychologie und Technik – zwischen Gefühl und Sauberkeit.
Das Fundament – Preamp & Gain-Staging
Jede Aufnahmekette beginnt mit einem Preamp. Er hebt das extrem leise Mikrofonsignal auf ein verwertbares Niveau an. Dieser Schritt entscheidet über Rauschen, Headroom und den gesamten Dynamikspielraum. So stellst du den Preamp richtig ein:
- Setze den Kanal-Fader auf 0 dB.
- Lass die Sängerin bzw. den Sänger die lauteste Stelle performen.
- Drehe den Gain so weit hoch, bis die Peaks knapp in Richtung Rot gehen.
- Dann nimm deinen Gain 12-15 dB zurück.
Damit erreichst du typische Recording-Level um -18 dBFS im Durchschnitt, Peaks zwischen -9 und -6 dBFS – perfekt für digitale Headroom-Reserven.

Jeder zusätzliche dB Gain erhöht den Anteil von Rauschen oder kumulierten Störanteilen. Nutze Pads am Mikrofon nur, wenn die Stimme wirklich zu laut ist. Den Low-Cut kannst du hingegen häufig aktivieren: Unterhalb von 60-100 Hz findet sich bei Vocals kaum Nutzsignal, aber umso mehr Raum Wummern und Pops. Ein guter Take ist sauber, ruhig und frei von unnötigen Korrekturen. Alles, was du jetzt nicht verhunzt, musst du später nicht reparieren.
Erste Korrektur – De-Esser & leichter EQ
Im Recording geht es in erster Linie darum, störende Stellen leicht zu glätten und für einen vollen und natürlichen Klang zu sorgen. Dafür ist dein De-Esser da - aber beachte: so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Ziel sind 3-10 dB Gain-Reduction auf den betroffenen S-Lauten (typisch 5-7 kHz). Vermeide alles, was deine Stimme später lispelnd oder dumpf wirken lässt.
Moderne Tools unterscheiden sich im Ansatz:
- Wide-band reduziert das gesamte Signal bei S-Transienten.
- Split-band zielt nur auf den Hochfrequenzbereich.
- Multiband/Spectral sind chirurgisch und angenehm transparent.
Fürs Tracking reicht ein dezenter Eingriff. Danach folgt ein EQ für eine dezente Bearbeitung. Drei Moves reichen meist:
- Low-Cut bei 60-100 Hz für Rumpel und Plosives
- Leichte Absenkung bei 200-400 Hz gegen Boxiness (3–6 dB)
- Optional minimaler Air-Boost über 10kHz für Selbstvertrauen im Kopfhörer

Der EQ dient dem Wohlfühlen und der Kontrolle – nicht dem Sounddesign. Die EQ Eingriffe sind hier auch immer stark abhängig vom verwendeten Mikrofon und dessen Eigencharakter.
Kontrolle & Dynamik – Kompression beim Recording
Kompression hat beim Tracking eine klare Aufgabe: Spitzen einfangen, Performance stabilisieren, Monitoring angenehmer machen. Zielwerte liegen hier bei 2-3 dB Gain-Reduction für leichte Kontrolle, einer Ratio zwischen 2:1-4:1 bei einem Attack um 20-30 ms und einem Release, das sich moderat und musikalisch anfühlt - in der Regel zwischen 150 und 300ms.

Aggressivere Einstellungen (10-20 dB GR) gehören in den Mix, nicht ins Tracking. Jede Überkompression klingt schnell gepresst oder unnatürlich und erschweren deiner Sängerin / deinem Sänger eine direktes Feedback ihrer Performance. Ein sanft arbeitender Kompressor sorgt dagegen dafür, dass sich die Vocal warm, ruhig und kontrolliert anfühlt – ohne hörbare Artefakte.
Räumlichkeit – Reverb & Delay für’s Gefühl
Reverb und Delay beim Recording sind psychologische Werkzeuge. Sie dürfen die Sänger:innen inspirieren, sollten sich aber zurückhalten. Hier ein kleiner best practice Tipp:
- Kombiniere auf einem Bus / Aux Room + Plate Reverb für Präsenz und Schimmer
- für ein aufs Projekt getimtes Slapback-Delay für Rhythmusgefühl
- achte bei allem auf ein Pre-Delay 20-50 ms, damit die Hauptstimme vorne bleibt
- Mische die Effekte leicht hinzu, so dass sich dein Künstler wohlfühlt
Wichtig: Die Aufnahme bleibt komplett trocken. Alles Nasse gehört nur in die Kopfhörer und in eine separaten Bus / Aux, nicht direkt in die Spur.
Der Schlüssel im Monitoring – Latenzfreiheit
Egal wie gut deine Vocal Chain ist: Wenn dein Monitoring verzögert oder unnatürlich wirkt, verliert die Performance Energie und erschwert das Einsingen massiv. Deshalb ist der Monitoring-Pfad entscheidend. Er bestimmt, wie schnell die Sänger:innen das eigene Signal hören, wie „direkt“ sich die Stimme anfühlt und ob Performance und Timing stimmen. Professionelle Monitoring-Ketten bestehen oft aus Interface-DSPs, dedizierten Monitor-Controllern, optimierten DA/AD-Konvertern und Zero-Latency-Plugins. Je kürzer und klarer der Signalweg, desto mehr Kontrolle – und desto besser der Take.
Latenzfreie Tools & Systeme im Überblick
Wie immer hast du die Qual der Wahl. Moderne Systeme entlasten die CPU und ermöglichen Monitoring mit praktisch 0 ms fühlbarer Verzögerung. Beginnend bei Interfaces, die ein internes DSP Processing liefern, was die Plugin Rechenleistung von deiner CPU fernhält und sie direkt im Interface ermöglicht. Hier sei eine all time classic wie die UAD Apollo Reihe oder Interfaces von Antelope mit der Synergy Core Technologie genannt. Darüber hinaus gibt es externe DSP Systeme wie Waves SoundGrid, die wegen ihrer extrem niedrigen Latenz häufig auch beim Mixing auf Konzerten genutzt werden.
Wer auf externe Hardware verzichten möchte, hat bei einigen Plugin Herstellern die Möglichkeit, latenzfreie Plugins zu finden, die sich fürs Recording ebenfalls eignen. Plugins wie der “Scheps Omni Channel”, “CLA-2A” oder “Sibilance Live” von Waves, Fabfilter “Pro Q4” oder Valhalla DSPs "Raum" sind exzellente Tools um ein latenzfreies Monitoring zu gewährleisten.

Pro Tipp: Wenn du für deinen Titel ein Laid Back Timing im Gesang erzielen möchtest, hilft es einigen Sänger:innen ein minimales Delay (nicht der Effekt, sondern eine gesamte Verzögerung des Signals) aufs Monitoring zu geben. Hier reichen 10-40ms damit sich die Sänger:innen anfangen “selbst zu schleppen”. Probiere es aus!
Recording vs. Mixing
Ein wichtiger Punkt betrifft den Unterschied in der Bearbeitung der Vocals bei der Aufnahme und später beim Mixing. Wir unterscheiden hier klar zwischen zwei Zielen:
Beim Recording willst du ein möglichst natürliches Gefühl der Stimme erzeugen. Sie soll frei von störenden Resonanzen sein, dynamisch etwas eingefangen, damit die ganz starken Spitzen nicht zu extrem herausstechen, aber gleichzeitig so dynamisch wie möglich sein, damit die Sängerin oder der Sänger ein direktes Feedback über ihre Stimmkontrolle haben.
Beim Mixing bringst du dann die Stimme in den Kontext mit den restlichen Mix Bestandteilen, triffst kreative Entscheidungen über Effekte, Panorama, Automation und dergleichen. Hierbei spielt Latenz dann keine Rolle mehr.
Fazit – Die Balance zwischen Technik und Gefühl
Eine gute Vocal Chain ist kein Zufall, sondern eine Balance aus Technik, Gefühl und Workflow. Wenn du sie richtig aufbaust, hört sich dein Vocal-Signal schon beim Recording nach „fertigem Song“ an – und die Performance profitiert spürbar davon. Eine latenzfreie, gut abgestimmte Chain sorgt dafür, dass du im Moment bleibst, statt gegen die Technik zu singen – und genau das ist der erste Schritt zu einem großartigen Vocal Take.
- Johannes